Der IHK-Präsident und die Schrottaktien

Berliner IHK-Präsident Stietzel als langjähriger Geschäftspartner eines in den USA festgenommenen Gründers im Zwielicht

Die IHK-Organisation spricht gern und oft vom Leitbild des „ehrbaren Kaufmanns“. Das hat einen Grund: Das Gesetz verpflichtet die Kammern, „für die Wahrung von Anstand und Sitte der ehrbaren Kaufleute“ zu wirken. Wer an der Spitze einer IHK steht, sollte diesem Anspruch also zuerst selbst genügen. Mit den Vorbildern ist das in Kammerland allerdings so eine Sache.

Nach einer ausführlichen Recherche des manager magazins gerät nun Sebastian Stietzel ins Zwielicht. Er ist Präsident der IHK Berlin und damit oberster Repräsentant von rund 335.000 Zwangstmitgliedern. Stietzel ist laut Bericht seit etwa zehn Jahren eng mit dem Gründer Wanja Oberhof verbunden. Oberhof wurde Mitte September in den USA festgenommen. Die US-Bundesstaatsanwaltschaft wirft ihm Betrug vor: Er soll einen Großteil von rund 2,5 Millionen Dollar, die ein Investor in eines seiner Unternehmen gesteckt hatte, für eigene Zwecke abgezweigt haben. Oberhof weist die Vorwürfe vollständig zurück. Für ihn gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung, für Stietzel erst recht. Gegen Stietzel selbst richten sich keine strafrechtlichen Vorwürfe.

Strafrecht ist aber nicht der einzige Maßstab. Was das manager magazin über die gemeinsamen Börsengeschäfte der beiden zusammengetragen hat, ist auch ohne Strafverfahren bemerkenswert. Die Autoren sprechen von einer „regelrechten Spur der Verwüstung“ bei gutgläubigen Kleinanlegern. Den Berliner IHK-Präsidenten beschreiben sie als jemanden, der „eher wie ein Präsident der Schrottaktien“ wirke.

Laut manager magazin folgten die Firmen immer wieder einem ähnlichen Muster. Oberhof sammelte lautstark Kapital ein, Stietzel ordnete im Hintergrund die Geschäfte – mal als Manager, mal als Kontrolleur. Einige Beispiele aus dem Bericht:

  • SynBiotic SE: Stietzel war hier von 2020 bis 2023 Vorsitzender des Verwaltungsrats. Die Aktie fiel vom Allzeithoch bei über 40 Euro auf unter 80 Cent. Das ist ein Verlust von mehr als 98 Prozent, und zwar wenige Monate nachdem die von Oberhof geführte Social Chain ihre Anteile verkauft hatte.
  • The Social Chain AG: Im Juli 2023 ging das Unternehmen in die Insolvenz, ein dreistelliger Millionenbetrag an Börsenwert war vernichtet. Stietzel saß damals im Aufsichtsrat und arbeitete gleichzeitig für Oberhofs private Holding, über die dieser Social-Chain-Anteile hielt. Kontrolle und Diener zweier Herren in einer Person – nach eigener Aussage hat Stietzel diese Rolle offengelegt.
  • Commertunity AG: In diese Firma wurde eine Zweckgesellschaft eingebracht, an der auch Stietzels Beteiligungsgesellschaft beteiligt war. Sie hatte im Rumpfjahr 2022 rund 56.000 Euro Umsatz, wurde aber mit mindestens 1,75 Millionen Euro bewertet. Im Tausch gab es 87,5 Prozent der Commertunity-Anteile. Kurz nachdem Stietzel Ende 2023 selbst Alleinvorstand geworden war, wurde die Beteiligung vollständig abgeschrieben. Laut manager magazin hätte danach wohl „unverzüglich“ eine Hauptversammlung einberufen werden müssen, weil die Hälfte des Grundkapitals verloren war. Stietzel und Oberhof bestreiten, gegen aktienrechtliche Pflichten verstoßen zu haben. Die Verlustanzeige stand schließlich rund zweieinhalb Jahre später auf der Tagesordnung. Ein britischer Fusionspartner brach die Gespräche zwischenzeitlich ab und verwies unter anderem auf „vergangene Verletzungen gesetzlicher Pflichten durch Unternehmensorgane“.

Für die IHK am heikelsten ist das jüngste Kapitel. Im April 2026 kündigte Commertunity mit einer neuen Geschichte über Lithium aus Argentinien einen „neuen hochkarätigen Aufsichtsrat“, so berichtet das manager magazin, an: „Sebastian Stietzel (Präsident IHK-Berlin)“. Das Kammeramt wurde in der Pressemitteilung gleich zweimal genannt. Bis zu seiner Wahl zum stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden hatte sich der Kurs mehr als verfünffacht. Seit dem Hoch im Juni ist er laut Bericht wieder um rund 80 Prozent gefallen.

Der Anlegerschützer Michael Kunert von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger findet laut manager magazin dafür deutliche Worte. Hier werde „eine öffentlich-rechtliche Vertrauensstellung als institutionelles Feigenblatt instrumentalisiert, um einem Zockerpapier den Anschein von Solidität zu verleihen“. Stietzel, so ist dem manager magazin zu entnehmen, erklärt, er habe „ausdrücklich darum gebeten“, sein Ehrenamt nicht zu nennen. Das Unternehmen hat es trotzdem gleich wieder getan, nämlich in der Pressemitteilung nach der Hauptversammlung. Wenn Stietzels Bitte so wenig zählt bei einer Firma, deren Aufsichtsrat er mitführt, sagt das auch etwas über die Qualität dieser Aufsicht.

Inzwischen ist Stietzel nach dem Bericht zusätzlich stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender eines weiteren Börsenvehikels, diesmal im Kryptobereich. Das manager magazin kommentiert trocken: „Ein IHK-Präsident als Kontrolleur: Was sollte da schon schiefgehen?“

Man muss Stietzel keinen Rechtsbruch vorwerfen, um festzustellen: Mit dem selbst gemalten Bild des ehrbaren Kaufmanns haben diese Geschäfte wenig zu tun. Die Liste der Fälle, wo sich IHK-Spitzenfunktionäre als wenig ehrbar darstellen, wird dabei immer länger. Es gab den früheren Hauptgeschäftsführer der IHK Koblenz, der wegen Untreue verurteilt wurde. Es gab den Hauptgeschäftsführer der IHK Kassel-Marburg, gegen den die Staatsanwaltschaft ermittelt. Es gab den Präsidenten der Handwerkskammer Köln, den das Oberlandesgericht Köln wegen vorsätzlicher sittenwidriger Schädigung eines Geschäftspartners rechtskräftig verurteilt hat. Es gab den Münchner IHK-Präsidenten, gegen den wegen Untreueverdachts ermittelt wird. Und zuletzt gab es die Schlammschlacht unter den IHK-Präsidenten in Mecklenburg-Vorpommern. Jetzt kommt Berlin dazu.

Dabei geht es nicht um Stietzels Privatsache. Die Vollversammlung der IHK Berlin und die Rechtsaufsicht beim Senat sollten sich einige Fragen stellen:

  • Wussten die Gremien von diesen Mandaten und Verflechtungen?
  • Gibt es Regeln dafür, wie das Präsidentenamt in Pressemitteilungen von Börsenfirmen benutzt werden darf, und werden sie durchgesetzt?
  • Wie verträgt sich das alles mit dem gesetzlichen Auftrag, für Anstand und Sitte der ehrbaren Kaufleute einzutreten?

Die Pflichtmitglieder, die das Präsidium mit ihren Beiträgen finanzieren, haben ein Recht auf Antworten. Denn der Fall zeigt einmal mehr: Wenn ehrbare IHK-Kaufleute ihr Amt als Gütesiegel einsetzen, zahlen am Ende andere die Zeche. In diesem Fall sind es die Kleinanleger.

23.10.2026